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Sonntag, 5. Februar 2012

The Artist / The Descendants

Da die letzte Woche Klausurvorbereitungen auf dem Plan standen, könnte ich nicht sofort ein paar Worte zu diesen beiden großen Oscar-Favoriten loswerden. Da der Großteil der Prüfungen jetzt aber geschafft ist, habe ich wieder die Zeit und Muße dazu. Bitteschön.

The Artist

Der große Oscar-Kandidat 2012. Mit Fug und Recht möchte ich behaupten. Selten hat man so viel Mut bewiesen, einen Stummfilm in Zeiten von 3D-Technologie und Bombast-Kino auf die Leinwand zu bringen. The Artist ist eine tiefe Verbeugung vor dem Film und seinen Ursprüngen selbst. Der geneigte Kinoliebhaber sollte diesen Film definitiv gesehen haben.

Kurz zum Inhalt. Wir bekommen den elegant-charmanten George Valentin (Jean Dujardin) zu sehen, die Stummfilm-Ikone schlechthin in den 20er Jahren Amerikas. Der geborene Entertainer, ein Meister seines Fachs, doch wohl auch etwas egozentrisch. Dieser George Valentin hat eigentlich alles, was man sich wünschen könnte und lernt dazu auch noch die bildhübsche Peppy Miller (Bérénice Bejo) kennen, welche jedoch, ohne dass es einer von den beiden ahnt, seine Karriere beenden wird. Denn der Stummfilm ist am Aussterben, der Ton erobert die Kinosäle. Das kommt Peppy Miller zu Gute, sie wird der neue Stern am Tonfilm-Himmel. George Valentin winkt nur ab, der Stummfilm ist die treibende Kraft, Filme mit Ton, wer braucht das schon? Doch er täuscht sich. Niemand interessiert sich mehr für den Stummfilm, Valentin versinkt in Vergessenheit, muss sein letztes Hemd hergeben und verfällt dem Alkohol...

Es ist wirklich erstaunlich, wie viel Freude einem The Artist macht. Meine Generation kam ja nie wirklich mit dem Medium Stummfilm in Kontakt, vielleicht hat man mal Charles Chaplin's Modern Times oder Laurel und Hardy auf arte gesehen. Doch dieses Gefühl einer neuen Technologie, die ersten bewegte Bilder, das konnte einer wie ich nie selbst erfahren. Umso schöner, dass Regisseur und Drehbuchautor Michel Hazanavicius sich diesem Thema angenommen hat und uns eine Welt zeigt, die schon lange vergangen und vielleicht sogar vergessen ist.

Konzentriert verfolgt man das Geschehen auf der Leinwand, exzellente Musikstücke begleiten dabei jene Schwarz-Weiß-Aufnahmen, welche einen ins Staunen versetzen. Der Film gewinnt unglaublich an Intensität, aufmerksam folgt man der Handlung, kein Detail möchte man übersehen, wo man sich sonst notfalls noch auf seine Ohren verlassen kann, wenn es um relevante Dialoge geht, das müssen jetzt die Augen durch reine Beobachtung übernehmen. Es gibt Aufnahmen und Szenenbilder, welche ein wenig klischeehaft wirken, was keinesfalls negativ zu verstehen ist, denn Hazanavicius und Co. geben ganz bewusst diesen speziellen Einblick in diese besondere Zeit des Filmemachens. Besonders schön gefällt mir die Prämisse, dass wir einen Stummfilm zu sehen bekommen, der zeigt, wie Stummfilme produziert und wahrgenommen wurden. Und selbst dann, als der Tonfilm bekannt und beliebt wird, bleibt The Artist trotzdem stumm und verzichtet auch weiterhin auf die Stimmen seiner Darsteller. Bis zum Ende zumindest, als wirklich gekonnt noch einmal diese Thematik aufgegriffen wird.

Wo wir schon bei den Darstellern sind. Großes Kompliment an jeden in diesem Film, ich stelle es mir nicht einfach vor, derartige Schauspielleistungen abzuliefern, welche nur auf Gestik und Mimik fußen. Jean Dujardin wurde bereits der Golden Globe verliehen und der Franzose hat ihn sich auch allemal verdient. Der heimliche Star ist jedoch ein kleiner Hund namens Uggie, welcher als stetiger Begleiter Valentin's zu sehen ist. Dieser Vierbeiner macht großen Spaß und zaubert einen ein Lächeln auf die Lippen.

The Artist ist ein außergewöhnlicher Film, der wunderbar an alte Zeiten erinnert und eindrucksvoll zeigt, welche Bedeutung der Film hatte und teilweise immer noch hat, auch wenn jährlich unzählige herzlose 0815-Blockbuster den Markt überschwemmen. The Artist lässt den Zuschauer schwelgen und genießen, das ist Kino für die Seele. Ich hätte mir vielleicht ein etwas tragischeres Ende gewünscht, doch spricht hier meine persönliche Präferenz. The Artist endet so, wie so viele Filme seiner Art: Mit einem Happy End. Denn das brauchten die Menschen in den 20er und 30er Jahren. Gebeutelt von der Finanzkrise und arg mitgenommen, konnte man sich immerhin noch auf eine Sache freuen: Das Kino. Und Filme wie es The Artist einer ist. 




The Descendants

Auch The Descendants gehört zum Kreis der heißen Oscar-Favoriten und vor allem George Clooney darf sich berechtigte Hoffnungen machen. Wie Jean Dujardin bekam auch er dieses Jahr einen Golden Globe als bester Hauptdarsteller, hier im Bereich Drama. Und ja, Clooney trägt The Descendants. Doch nicht alleine. Hier stimmt das Gesamtpaket und so bekommt man ein hervorragendes Familiendrama mit reichlich Tiefe zu sehen.

Beim Inhalt bediene ich mich beim Trailer (siehe unten): Matt King (George Clooney) hat es nicht leicht. Doch das geht vielen so, selbst im Urlaubsparadies Hawaii. Wie Hawaii? Da ist doch alles schön und da gibt's doch rund um die Uhr nur Cocktails zu schlürfen oder? Weit gefehlt, Hawaii, besser gesagt dessen Bewohner haben wie viele andere auch kleine bis mittelgroße Probleme zu bewältigen. Und einer dieser Bewohner ist eben Matt, der mit ansehen muss, wie seine Frau (Patracia Hastie), nach einem Motorbootunfall im Koma, langsam vor sich hinstirbt. Hinzukommt allerlei bürokratischer Stress für den Anwalt, welcher ein gigantisches Familiengrundstück demnächst im Sinne seiner Sippschaft für einen guten Preis verkaufen muss. Und natürlich machen ihm auch seine Kinder zu schaffen. Für diese hatte er nämlich nie wirklich Zeit und muss sich nun nach dem Unfall seiner Frau umso mehr um seine beiden Töchter Scottie (Amara Miller) und Alexandra (Shailene Woodley) kümmern. Wäre dies alles nicht genug, erfährt Matt auch noch, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem anderem Mann hatte. Life's hard...

Dramen solcher Art findet man alle Jahre immer wieder, auf den ersten Blick erwartet man nichts Besonderes und eher Altbekanntes. Was The Descendants jedoch von dem Gros solcher Filme abhebt, ist die Nähe zur Realität. Regisseur Alexander Payne (Sideways) gelingt es unheimlich gut, ein lebensechtes Setting mitsamt passenden Charakteren zu schaffen. The Descendants fühlt sich nicht gespielt an, viele Aufnahmen wirken recht beiläufig und ohne Intention, eher so, als wenn man die Charaktere auf ihren Wegen einfach begleitet. Zusätzlich wird mit der Kulisse Hawaiis ein wunderschönes Szenenbild mit tollen Einstellungen aufgebaut, typisch volkstümliche hawaiianische Klänge dudeln melancholisch, aber oft auch sehr stimmungsvoll im Hintergrund, optisch und akustisch macht The Descendants wirklich was her.

Kommen wir zum entscheidenden Kriterium eines Dramas, die Charaktere und so auch ihre Darsteller. Hier greift erneut die Prämisse so lebensnah wie möglich. Clooney überzeugt vollends als überforderter Familienvater, der sich nicht nur auf die Suche nach Antworten auf seine vielen Fragen begibt, sondern auch auf eine Reise, die ihm zeigt, was wirklich wichtig ist. Dabei deckt Clooney sämtliche Facetten seines Charakters ab, doch bleibt vor allem sein großartiges Gespür für Understatement und Subtilität sowie seine Eigenart eines beherzten Sprints im Gedächtnis. An seiner Seite brillieren Shailene Woodley und Amara Miller, die beiden Töchter im Film. Insbesondere Woodley zeigt ihr ganzes Schauspielrepertoire. Ihre Rolle umfasst die Charakterzüge einer dickköpfigen, zickigen Heranwachsenden, doch spielt sie diese im keinsten Sinne klischeehaft, im Gegenteil, sie verleiht ihre Figur sehr viel Tiefe. Für ein paar komische Momente ist dann Nick Krause (Sid) verantwortlich, welcher einen Freund von Woodley's Alexandra spielt und die Familie King begleitet. Auch dieser Charakter bereichert den Film ungemein.

Der größte Schwachpunkt in The Descendants und ein möglicher Grund, warum sich einige nicht sehr angesprochen fühlen könnten, ist wohl, dass dieser Film in vielen Momenten nur dahinplätschert. Für ein Drama ist das Pacing in meinen Augen ausgezeichnet, vielen wird es jedoch stellenweise zu langatmig und ausladend erscheinen.

Wenn man sich jedoch die Zeit nimmt, dann kann einen The Descendants sehr berühren. Viele Aufnahmen wirken einfach und unkompliziert, doch sagen sie auch jedes mal eine ganze Menge aus. Hier muss oft zwischen den Zeilen gelesen werden, wovon man sich nicht abschrecken lassen sollte, da es sich wiederum lohnt. Beeindruckt hat mich das Bild von Hawaii, nicht nur optisch, sondern auch die Menschen, welche Alexander Payne uns zeigt. Vieles wirkt wie eine Maskerade, aber jeder hat seinen Kummer und eine Last, die er mit sich rumträgt, selbst der dümmlich-grinsende Sid. The Descendants ist ein schöner, sehr gut geschriebener Film, aus dem man viel mitnehmen kann und welchen man sich auf jeden Fall anschauen kann, vielleicht sogar sollte.



Montag, 16. Januar 2012

Golden Globe Awards 2012

Die Golden Globes haben sich in den letzten Jahren wirklich gemausert, für manch einen haben sie die Oscars in Sachen Unterhaltungswert längst überholt. Das wurde insbesondere im vorangegangenen Jahr deutlich, als der grandiose Ricky Gervais mit einer eher unkonventionellen und überaus amüsanten Leitung der Globes für Furore sorgte und wenige Wochen später Anne Hathaway (welche noch die Bessere war) und James Franco die Oscarverleihung 2011 in den Augen vieler gegen die Wand fuhren. Die Golden Globes sind über die Zeit unterhaltsamer, abwechslungsreicher und weitaus lockerer als die Oscars (Hugh Jackman bei den Oscars 2009 mal ausgenommen, das war klasse) geworden, was nicht nur daran liegt, dass auch Awards für TV-Serien und ihre Darsteller vergeben werden.

Dieses Jahr wurde Ricky Gervais erneut die Ehre zu Teil (er selbst würde es wohl kaum als Ehre bezeichnen), die Golden Globe Awards 2012 zu moderieren. Jubelstürme brachen aus, denn im Vorjahr lieferte Gervais wirklich eine hervorragende Show ab. Und auch dieses Jahr legte er wieder ordentlich los und war sich nicht zu Schade dafür die Hollywood Foreign Press Association (für die Globes verantwortlich), NBC oder die versammelte Belegschaft durch den Kakao zu ziehen. Die Pointen saßen, Rücksicht wurde keine genommen, die F-Bombe ist hochgegangen, ich habe mich köstlich amüsiert. Sein Einstiegsmonolog sei an dieser Stelle nocheinmal verlinkt.


ABER, irgendwie haben sie den Gervais für meinen Geschmack etwas ausgebremst. Der Einstieg war glänzend, danach wurde er ein klein wenig gezügelt. Zwar machten die jeweiligen Laudatoren einen grundsoliden Eindruck, (Seth Rogen hatte mit einer "massive erection" zu kämpfen, bekam es dann aber doch noch irgendwie hin) der Ricky Gervais vom letzten Jahr war es jedoch nicht ganz. Man hatte den Host wohl mit Absicht etwas mehr zurückgehalten. Ganz spurlos scheinen die Golden Globes im Jahr zuvor doch nicht an der Hollywood Foreign Press Association vorbeigegangen zu sein, obwohl gerade dadurch ordentlich Publicity gemacht werden konnte. Aber Ricky Gervais wäre nicht Ricky Gervais, wenn er sich nicht trotzdem ständig im Grenzbereich bzw. hart am Limit bewegen würde. Und die Unterschiede zwischen den Globes 2011 und den diesjährigen waren insgesamt allen in allen nicht allzu groß und wenn überhaupt minimal. So war es bezüglich des Unterhaltungsfaktors erneut eine sehr gute Verleihung.

Zum Bereich Film:

Die Erkenntnis der Globes: The Artist und The Descendants gingen als Gewinner der Veranstaltung hervor und sind wohl somit auch große Kandidaten im Rennen um die Oscars. The Artist holte sich gleich drei Globes, bester Film Komödie/Musical, bester Hauptdarsteller Komödie/Musical mit dem charmanten Franzosen Jean Dujardin und die beste Filmmusik. Ein Stummfilm sorgt heutzutage eben für reichlich Wirbel und avanciert so schnell zum Kritikerliebling. Ich freue mich auch schon sehr auf den Kinobesuch, am 26. Januar ist deutschlandweiter Kinostart. George Clooney (der sich wunderbar mit Brad Pitt die Bälle zu spielte) heimste den Golden Globe für den besten Darsteller in einem Drama ab, The Descendants wurde außerdem noch zum besten Film im Bereich Drama gekürt. Eine weitere Empfehlung, The Descendants läuft ebenfalls am 26. Januar 2012 an.


Altmeister Martin Scorsese wurde für Hugo Cabret mit der besten Regiearbeit ausgezeichnet, auch hier darf man sich wohl auf einen wunderschönen Tribut an das Kino per se samt Verbeugung freuen, die Kritiker sind voll des Lobes, ab 09. Februar im Kino. Meryl Streep bekam den Globe für ihre Darbietung als Margaret "The Iron Lady" Thatcher, ich hätte mich für Rooney Mara sehr gefreut, aber Streep kann man ihre Klasse schwer übel nehmen, auch wenn The Iron Lady eher durchschnittlich aufgenommen wurde. In Deutschland erst post-Oscars ab 01. März zu sehen. Es war eine bunte Mischung, bis auf Clooney's Ides of March, Moneyball mit Brad Pitt und David Fincher's Girl with the Dragon Tattoo konnte sich jeder der vorher auserkorenen Favoriten einen Golden Globe sichern. Woody Allen war nicht anwesend und bekam trotzdem für sein Midnight in Paris die Auszeichnung für das beste Drehbuch. Genehmigt. Octavia Spencer (The Help) und Michelle Williams (My Week with Marylin) bekamen den Preis für die beste Nebendarstellerin im Bereich Drama bzw. die beste Hauptdarstellerin in einer Komödie/Musical. Steven Spielberg schaute mit War Horse vorerst in die Röhre, durfte sich dann aber doch noch über den Globe für The Adventures of Tintin freuen. Das fand ich sehr gut, auch für mich vor Rango der beste Animationsfilm des Jahres. Schauspiel-Veteran Christopher Plummer holte sich seinen verdienten Preis für seine Nebenrolle in Beginners ab und der iranische Film A Seperation, über den ich auch nur gutes gehört habe, wurde als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. Ach ja, Madonna bekam auch irgendein Preis, but who cares?

Insgesamt gab es wenig Überraschungen, die Auswahl war buntgemischt und qualitativ stark. The Artist und The Descendants stehen wohl auch für die Oscars hoch im Kurs. Dahinter kann alles passieren. Man darf gespannt sein.

Kurz zum Bereich Serie:

Hier hatte ich jetzt nicht wirklich den ganz großen Überblick. Gefreut habe ich mich für Peter Dinklage und Idris Elba. Ersterer wurde für seine ausgezeichnete Darbietung in HBO'S Game of Thrones in der Rolle des Tyrion Lannister (Imp!) geehrt und das völlig verdient. Idris Elba bekam den Globe als bester Hauptdarsteller in einer Mini-Serie für Luther. Auch sehr gut, in Luther sollte man mal allein wegen Idris Elba reingeschaut haben. Zooey Deschanel und ihre neue Serie New Girl sind leider leer ausgegangen, auch wenn es wirklich ein erfrischend komisches Format ist. Gegen das grandiose Modern Family hat man es eben Jahr für Jahr immer wieder sehr schwer. Homeland stach Serien wie das fabelhafte Boardwalk Empire oder Game of Thrones aus und sicherte sich den Golden Globe für die beste Serie in Bereich Drama. Auch in Homeland sollte man mal reinschauen, ich werd's die nächsten Wochen mal versuchen in Angriff zu nehmen und dann berichten. Und Bryan Cranston (Breaking Bad) und Steve Buscemi (Boardwalk Empire) mussten sich letztendlich Kelsey Grammer (Boss, ehemals Frasier) in Sachen bester Serien-Hauptdarsteller Drama geschlagen geben.

Morgan "God of Voices" Freeman wurde dann obendrein noch der Cecil B. DeMille Award für sein Lebenswerk überreicht. Ein wunderbarer Schauspieler, der auch zu meinen persönlichen Favoriten zählt.


Gut acht Wochen und die Oscarverleihung 2012 steht auf dem Plan. Eddie Murphy und Brett Ratner sind nach etwas Hickhack und desletzteren homophoben Äußerungen nicht mehr dabei, Billy Crystal springt dafür (bereits zum neunten Mal) in die Bresche. Doch bis dahin wird noch einiges an Zeit vergehen und ich werde mir einige Filme ansehen, denn wieder einmal haben die Golden Globes als Oscar-Preview ihren Soll erfüllt (es ist doch so...) und mich in vielen Fällen sehr neugierig gemacht.


PS: Was war mit Ryan Gosling? Was war mit Drive? Gerade Drive, jener Film, welcher dermaßen abgefeiert wird. Freitag bin ich in der Vorpremiere, es folgt eine Kritk und vielleicht eine Antwort (aber wohl eher ein lauter Aufruf des Entsetzens, warum dieser Film nicht nominiert wurde) auf diese Fragen.

Samstag, 14. Januar 2012

The Ides of March / The Girl with the Dragon Tattoo

Die Zeit der großen Awards. Die Golden Globes (15. Januar) und Oscarverleihung (26. Februar) stehen so gut wie vor der Tür. Das bedeutet für Deutschland's Kinogänger, dass gerade jetzt, im Januar und Februar, noch einmal richtige Kaliber in die hiesigen Lichtspielhäuser kommen. Was in den Staaten und Großbritannien schon beinahe ein alter Hut ist, kann bei uns jetzt erst richtig abgefeiert werden. Oder eben jeder ist betroffen, ob Amerikaner, Brite, Deutscher oder sonstwer. Gerne wird der Release potenzieller Oscar-Kandidaten kurz vor der Verleihung platziert. Kurzfristige Medienwirksamkeit und so, man kann es sich denken. Aber das soll hier gar nicht zur Sache tun.

Hier geht's um die angesprochenen Kaliber. Zwei von denen habe ich mir diese Woche angeschaut. Und beide haben mir sehr gut gefallen. The Ides of March und The Girl with the Dragon Tattoo kommen auf vier bzw. zwei Nominierungen bei den Golden Globes 2012 und dürfen sich auch berechtigte Hoffnungen auf eine oder mehrere Oscarnominierung machen.

The Ides of March (Tage des Verrats)

Die Iden des März. Jener Zeitpunkt, zu welchem Caesar einst von Verschwörern und Verrätern niedergestochen und ermordert wurde. Ein passender Titel, eine passende Metapher für George Clooney's vierte Regiearbeit. Wobei in The Ides of March nicht der Königs- bzw. Kaisermord im Mittelpunkt steht, sondern der Verrat per se. Ryan Gosling spielt Stephen Meyers, einen begnadeten Wahlkampfmanager, der mit Raffinesse und Charme großen Anteil an den steigenden Umfrageergebnissen des Gouverneurs Mike Morris (George Clooney) hat, welcher sich erst in den Vorwahlen der Demokraten für den Präsidentschaftskandidaten durchsetzen und dann natürlich auch ins Weiße Haus einziehen soll. Politik und gerade Wahlkampf verbindet unsereins stets mit Korruption, Lügen und falschen Versprechungen. Doch Meyers wirkt wie ein aufgeweckter, motivierter, junger Mann, der in seinen Kandidaten vertraut, nicht weil er muss, sondern weil er es wirklich tut. Doch diese Ideale muss selbst er bald über den Haufen werfen, seine Unerfahrenheit und Naivität wird ihm zu Verhängnis, wem kann er vertrauen, von wem wird er verraten werden, wen wird er verraten... Meyers ist nicht auf den Kopf gefallen. So wird er selbst zu dem, was er sich vermutlich niemals gewünscht hätte...

So ist Politik. Geheime Absprachen, kleine Deals, wer bekommt welche politische Position, um sich wie viele Wählerstimmen wo auch immer zu sichern. Ich mag Polit-Thriller, besonders wenn sie nicht so reißerisch und eher subtil wie Clooney's Ides of March sind. Mit Ryan Gosling hat man eine perfekte Besetzung der Rolle des Stephen Meyers getätigt, sein Spiel zwischen den Fronten, sein Wandel vom überzeugten Idealisten hin zum kaltblütigen Opportunisten gefällt außerordentlich gut. George Clooney hält sich vornehm zurück, er ist nur eine der vielen Schachfiguren (oder Schachspieler?), darunter auch der großartige Paul Giamatti und Philip Seymour Hoffman, die dem Film im Endeffekt seine Relevanz und Gedankentiefe geben. The Ides of March versteht es ausgezeichnet, uns ein Bild von den politischen Abläufen in den USA zu geben. Kein Weg ist zu wider, den Kandidaten an der Spitze zu platzieren. Etikette ist nur eine Fassade, darunter zeigt sich die wahre Natur des Menschen. Natürlich zeigt Clooney nur eine fiktive Idee und liefert keine direkten Bezüge zur real existierenden Persönlichkeiten. Doch sein Film schafft es, eine gefährlich präzise und gut vorstellbare Beschreibung des politischen Systems in den Staaten zu geben.

Das Schlussbild von The Ides of March steht für sich allein. Wir betrachten Gosling's Stephen Meyers, kurz vor einem Fernsehinterview. Sein Weg war steinig, er war kurz vor dem Ende, jetzt ist er wieder ganz oben. Doch er hat sich gewandelt, Ideale verworfen, Vorbilder getäuscht und verraten. Meyers hebt den Kopf und blickt kühl in die Kamera. Ausblende. Schluss.

“In war, you can only be killed once, but in politics, many times.”

Wer mal wieder ordentlich Lust und Laune auf ein ruhigen, spannend-interessanten Polit-Thriller mit reichlich Starpower, guten Hintergrund und wunderbar aktuellen Bezug hat, der sollte sich The Ides Of March ansehen. Clooney überzeugt als Regisseur und Gosling freut sich über eine Golden Globe-Nominierung als Bester Hauptdarsteller im Bereich Drama. Sehenswert.



The Girl with the Dragon Tattoo (Verblendung)

Die Amerikaner. Denen kann man es nie recht machen. 2009 kam die erste skandinavisch-deutsch produzierte Romanverfilmung von Stieg Larsson's Millenium-Trilogie unter dem Titel Verblendung raus und konnte Kritiker sowie Publikum überzeugen. Sogar so sehr, dass sich amerikanische Filmproduzenten dachten, man könnte diesen Film doch einfach nochmal neu auflegen, auf den Import europäischer Filme stehen die sowieso nicht. Diesmal aber mit mehr Budget und David Fincher im Regiestuhl. Also ein zeitnahes Remake. Und das hat es in sich. Vorweg, ich habe weder die Bücher gelesen noch habe ich irgendeinen der vorangegangen Filme dazu gesehen. Da ich aber viel Gutes über The Girl with the Dragon Tattoo gelesen hatte und schon etwas neugierig war, hab ich ihn mir angeschaut. Gute Entscheidung meinerseits. The Girl with the Dragon Tattoo ist hervorragend.

Journalist Mikael Blomkvist (Daniel Craig) hat sich ins Abseits manövriert. Sein letzter Artikel und die dazugehörige Verleumdungsklage stellt ihn vor große finanzielle Probleme. Da trifft es sich ganz gut, dass der ehemalige Großindustrielle Henrik Vanger (Christopher Plummer, wer könnte einen besseren Patriarchen spielen?) einen Auftrag bzw. Rätsel für Blomkvist hat und ihn dementsprechend für die Lösung dessen entlohnen möchte. Blomkvist soll Henrik's Lieblingsnichte Harriet finden, welche vor über 40 Jahren spurlos verschwunden ist. Dabei zur Hilfe kommt ihm die eigentümliche Lisbeth Salander (Rooney Mara), eine ausgezeichnete Hackerin, aber äußerst problematisch im sozialen Alltag. Gemeinsam dringen Blomkvist und Lisbeth tief in die Geheimnisse der Familie Vanger ein und müssen sich arg vorsehen, nicht selbst ins Fadenkreuz zu geraten...

Ich wusste nicht ganz, was ich zu erwarten hatte. Fakt ist, dass David Fincher ein glänzender Regisseur ist. Fakt ist auch, dass die Kritik zu seinem Girl with the Dragon Tattoo überdurchschnittlich gut ausgefallen ist. Und hier muss ich mich bedenkenlos anschließen, The Girl ist ein ganz starker Film. Zuckt man bei einer Laufzeit von gut 160 Minuten anfangs noch zusammen, lässt man sich während dieser etwas mehr als zweieinhalb Stunden dann bedingungslos fesseln. Die Spannung ist greifbar, permanent baut Fincher auf Hintergrundmusik, die etwas heraufbeschwört. Man ahnt etwas, doch bekommt man es selten zu sehen. Im nächsten Moment ist der Regisseur gnadenlos und zeigt die ganze Grausamkeit, für welche die skandinavische Kriminalliteratur bekannt geworden ist. Die, ob beiläufig oder offensichtlich, Intensität der einzelnen Szenen ist bedrückend einmalig. Daniel Craig als Mikael Blomkvist versteht sich darauf, etwas zurückhaltender zu spielen. Dennoch verleiht er seiner Figur die nötige Tiefe und Ausstrahlung. Doch Rooney Mara in der Rolle der Lisbeth Salander avanciert hier zur überragenden Figur. Reserviert, psychologisch ein Wrack, kaltblütig, sich grausam rächend (Raptist Pig!), zum Ende gar hoffnungsvoll und dann doch wieder am Boden. Ein einmaliger Charakter, der dank Rooney Mara's Performance einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt.
(Außerdem trägt sie das coolste T-Shirt in einem Film seit langem.)

David Fincher hat von Anfang an gesagt, er würde sich an keine Altersvorgaben der Produzenten halten. Ergebnis: Rated R in den Staaten, ab 16 hier bei uns. Zurecht, The Girl with the Dragon Tattoo ist explizit und direkt, und scheut nicht vor harten Bildern zurück. Doch das muss grundstimmungshalber auch so sein. Parallelen zu Fincher's Zodiac werden deutlich, sein Verständnis für den Aufbau des logischen und nachvollziehbaren Lösens von geheimnisvollen Rätseln. The Girl wirkt insgesamt wie kein 0815-Thriller, eher viel mehr wie eine unkonvientionelle Adaption, die viele Möglichkeiten hat, reißerisch zu enden, aber den Zuschauer lieber mit einem ruhigen und tiefsinnigen Schlussbild verabschiedet.

The Girl with the Dragon Tattoo bekommt von mir eine dicke Empfehlung. Spannung, Stimmung, Charaktere und ihre Darsteller, hier passt (fast) alles. Manch einer wird über die lange Laufzeit stöhnen. Ja, The Girl hat seine Längen, darüber schaue ich aber des Endergebnis wegen hinüberweg. Rooney Mara katapultiert sich in den Kreis der heißen Oscarkandidaten, für den Golden Globe gab's schon eine Nominierung. Verdient hätte sie's.



Sonntagabend bzw. Sonntagnacht kommt es dann zu den Golden Globe Awards 2012. Ich werde mir das natürlich anschauen und etwas Bericht erstatten. Zwar dient mir diese Verleihung eher dazu, eine oblitgatorische Anschauliste bis zur Oscarverleihung Ende Februar anzufertigen, aber ich werde trotzdem ein paar Sätze dazu verlieren. Und ein paar der Kandidaten habe ich ja schon gesehen, ob nun Film oder Serie.

PS: Ich freue mich auf Ricky Gervais. Das wird lustig.